Der Weg des Yoga
Yoga gehört zu den sechs verschiedenen, logisch aufeinander aufbauenden philosophischen Strömungen, die in den vedischen Schriften beschrieben werden. Wenn wir zu der Stufe des Yoga kommen, als der fünften der sechs Schulen, so geht es in erster Linie um die Vereinigung und Harmonisierung von Mikro- und Makrokosmos. Das Sanskrit-Wort Yoga steht nämlich für „Vereinigung“. Da der der menschliche Körper eine bonsai-artige Struktur der universalen Struktur darstellt, ist es daher im Interesse des Menschen, in den Einklang mit dieser Natur zu gehen. Erst in diesem Einklang wird der Mensch seinen Aufenthalt in dieser Welt nicht mehr nur als reinen Überlebenskampf, sondern als Möglichkeit wahrnehmen können, sein menschliches Leben zu seiner Bewusstseinserhöhung zu nutzen.
In erster Linie beschreibt es die Seele als unseren Kern, dann den feinstoffliche Körper bzw. unseren Geist und schließlich unseren aus den fünf grobstofflichen Elementen bestehenden Körper. Yoga beschreibt die Harmonisierung und Integration dieser drei Atmas, um letztlich das wichtigste Ziel des Lebens, nämlich das der Selbsterkenntnis zu erreichen. Selbsterkenntnis bedeutet in seiner Tiefe zu verwirklichen, dass unser wahrer Kern ein spiritueller Funken ist und dieser von Natur aus ewig, voller transzendentalem Wissen und Glückseligkeit ist.
Acht Glieder des Yoga
Wie man in einer menschlichen Inkarnation Selbstverwirklichung erlangen kann, wird nun in dem von dem großen Weisen Patanjali aus den vedischen Schriften zusammengefassten Yoga-System beschrieben. Dieser aus acht Gliedern bestehende Weg des Yoga-Systems nach Patanjali beginnt an dem Punkt, an dem man erkennt, dass die Wahrheit, die man sucht - das heißt sowohl die individuelle als auch die universale Wahrheit - nur im Inneren finden kann.
Auf der ersten Stufe Yama geht es darum zu erkennen, dass es dem Individuum nicht möglich ist, die Wahrheit zu erkennen, wenn es dem Geist erlaubt, zu sehr zu den Phänomenen der Außenwelt hinzufließen. Um die individuelle Wahrheit zu finden, sucht man nach einem Zustand, in dem es kein Leid mehr gibt, aber ein dauerhaftes Glücksgefühl. Für die universale Wahrheit begibt man sich auf die Suche nach dem Ursprung der Schöpfung und seiner selbst. Was ist die Quelle von Beidem? Und wie sieht die Beziehung zwischen der Quelle, dem Universum selbst und mir als dem Wahrnehmenden aus? Der Einstieg des Yoga ist daher der Schritt, wo man seine gesamten Anhaftungen und Verstrickungen des Geistes in der Außenwelt aufgibt und sich nach Innen zurückzieht.
In der zweiten Stufe Niyama geht es dann darum, diesen Geist mittels regelmäßiger Praxis und guten Gewohnheiten am Zügel zu halten, so dass er sich nicht wieder, ohne dass es notwendig ist, nach außen verstreuen kann.
In der dritten Stufe Asana wird es wichtig zu erkennen, dass der gesamte Körper durchdrungen ist von Bewusstsein, der Energie der Seele. Dieses Bewusstsein fließt in alle, noch so weit voneinander entfernten Bereiche des Körpers in der Form von Prana, so dass jegliche gesundheitliche Störung entdeckt werden kann. Dies ist wichtig, weil jegliche körperliche Störung den Suchenden von seinem Ziel ablenken kann. Um den Geist fokussiert zu halten, ist es daher notwendig, dass der Körper als wichtiges Fahrzeug, um die Wahrheit zu erforschen, gesund und rein bleibt.
In der vierten Stufe Pranayama ist die Vitalität und Lebensenergie unter Kontrolle zu bringen. Und zwar so, dass die Lebensenergie wenn nötig, auch im Wachzustand auf eine bestimmte Stelle konzentriert werden kann. Das bedeutet, es ermöglicht eine meditative Vertiefung zu jeder Zeit.
Auf der fünften Stufe Pratyahar gilt es zu erkennen, dass nicht alles, was um mich herum ist, notwendig ist, um das Ziel zu erreichen und die Wahrheit zu entdecken. Daher ist alles, was zum Leben nicht wirklich nötig ist, abzulehnen, so dass man nüchtern und fokussiert auf das Ziel bleibt. Und bis dahin hat der Wahrheits-Suchende die Stufe des Sattva-Guna, eine tugendhafte Qualität, erreicht. Auf dieser Stufe sind unsere Gedanken, unsere Wünsche und unsere Lebensweise bereits auf der tugendhaften („sattvischen“) Ebene.
Auf der sechsten Stufe Dhiyana wird der Geist nach Innen projiziert und langsam aber sicher wird die wahre, die spirituelle Identität spür- und erfahrbar durch Meditation.
Auf der siebten Stufe Dharana wird dann die Fähigkeit zur Meditation ungestörter und nachhaltiger. Auf dieser Stufe steht der Geist bereits völlig unter der Kontrolle des Unterscheidungsvermögens. Das Unterscheidungsvermögen in seiner entwickelten Form ist das reine Bewusstsein, das die spirituelle Energie, das spirituelle Wesen der Seele wahrnehmen kann und wenn nötig, den Geist, der immer mit der Außenwelt Beziehung und Austausch pflegt, am Zügel hält. Hier wird es sehr offensichtlich, dass diese materielle Welt, diese Phänomene zeitweilig sind und daher die Welt, sowie alle Emotionen, Wünsche und Pläne zeitweilig sind. Damit einher geht die Erkenntnis, dass dies keine zuverlässige Basis, kein zuverlässiger Anker für die Seele ist. Der spirituelle Funken ist von Natur aus ein Teil der Wahrheit und daher sucht er seine ursprüngliche Natur, welche Wissen, Glückseligkeit und Ewigkeit im Kern in sich trägt.
Auf der achten und der letzten Stufe Samadhi wird die Meditation und die Vertiefung in die spirituelle Identität so tief, dass man auf der Stufe der Selbstverwirklichung der Herr über sein eigenes Leben, seinen Körper, seine Handlungen und sein Schicksal wird. Kurz gefasst, ist der Weg des Yoga eine spirituelle Praxis, die den Prozess des Erlernens der geistigen Beherrschung beschreibt. Ohne diese Ausrichtung werden uns alle Arten von Yogaübungen auf der körperlichen Ebene nur ein zeitweiliges Wohlbefinden schenken. Das Leid bleibt hier letztlich in der Tiefe bestehen und wirkliches Glück eine Fatamorgana. Erst in der Einbettung in den gesamten achtstufigen Yoga-Vorgang mit dem Ziel der Selbstverwirklichung finden sie ihren, ihnen zugehörigen Platz.
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Sri Sarvabhavana ist indischer Mystiker, spiritueller Begleiter in der Bhakti-Yoga-Tradition und Gelehrter der authentischen vedischen Schriften. Sein tiefes Verständnis der vedischen Spiritualität manifestiert sich in seinen Lebensberatungen, Vorträgen und Reisen zu einer der wenigen autorisierten Bhrigu-Palmblattbibliotheken Indiens.
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