Yama, das erste Glied des Yogasystems nach Patanjali
Yama gilt als das erste Glied der acht Glieder des Yoga-Systems nach Patanjali, die als die ursprünglichen Wurzeln des Yogas gelten.
Ziel ist es, die verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften zu erläutern, die für Patanjali die Basis jeglicher weiterer Entwicklung darstellen. Zu einer vollständigen Menschwerdung gehört ihm nach eine psychische Entwicklung mit der Erhebung des eigenen Bewusstseinsniveaus und der Entwicklung reifer Charaktereigenschaften. Er betrachtet es als essentiell, das seltene Geschenk der menschlichen Lebensform richtig zu nutzen. Verpasst man die Gelegenheit, sein Bewusstsein in diesem Leben zu erheben, so ist es nicht garantiert, diese Chance im nächsten Leben noch einmal zu erhalten.
Yama, das erste Glied des Yoga
Das erste Glied des Yogasystems heißt Yama. Yama bedeutet soviel wie „zügeln“. Was kann man sich unter „sich zügeln“ im täglichen Leben vorstellen? Was sollen wir zügeln und für welchen Zweck? Unser Geist hat die Tendenz, in die Außenwelt zu schweifen, in der man jedoch nicht das findet, was wir letztlich suchen. Wir suchen dauerhaftes Glück, Zufriedenheit und möchten uns von Angst befreien. All dies findet man allerdings nicht, indem man den Geist nach außen treibt. Die Beschreibung des ersten Gliedes befasst sich darum mit den fünf Eigenschaften, die zur Zügelung des Geistes entwickelt werden können:
- Enthaltsamkeit im Umgang mit dem Geschlechtsverkehr und in einer sexuellen Beziehung
- Wahrhaftigkeit
- Gewaltlosigkeit
- Freiheit vom falschen Ego und falschen Stolz
- nicht zu stehlen und aufrichtig zu sein
Enthaltsamkeit
Enthaltsamkeit im sexuellen Leben bedeutet, der Partnerin oder dem Partner treu zu bleiben.
Durch ungezügelten sexuellen Kontakt verliert der Mensch Prana oder Lebensvitalität. Darüber hinaus verstärkt er auch die Anhaftung der Person an seine körperliche Identität. Letztendlich ist unsere wahre Identität die spirituelle Seele, welche kein Geschlecht besitzt. Einen männlichen oder weiblichen Körper bekommen wir lediglich aufgrund unserer Handlungen im letzten Leben. Das Geschlecht ist also karmisch bedingt. Karma jedoch ist zeitweilig. Und unser Ziel ist es, die karmische Ebene zu transzendieren und die spirituelle Identität zu erreichen.
Wahrhaftigkeit
Wahrhaftigkeit bezieht sich auf die Wahrhaftigkeit unserer Sprache und unseres Ausdrucks und bedeutet, zur Wahrheit zu stehen und nicht zu lügen. Wenn wir bewusst lügen, dann hat das unmittelbar negative Auswirkungen auf unsere Zellen. Bereits auf der zellularen Ebene kreieren wir eine Dissonanz zwischen dem Wissen um die Wahrheit und der Lüge, was den Einklang unseres Wesens mit der universalen Harmonie stört.
Gewaltlosigkeit
Gewaltlosigkeit, Ahimsa, ist wichtig, denn durch Gewalt behindern wir den freien Willen anderer Personen so, dass er nicht zum Ausdruck kommen kann. Der Verstoß gegen den freien Willen führt zu einer Dissonanz mit der universalen Harmonie und übt damit negative Effekte auf unseren Geist und Körper aus. Zur Gewaltlosigkeit gehört auch, sich vegetarisch zu ernähren. Es ist eine Form, sich in Gewaltlosigkeit zu üben. Beim Verzehr eines toten Tieres nimmt man auch die Todesangst des Tieres, die in den Zellen und Fasern gespeichert wurde, in sich auf. Diese Ängste tauchen später in unserem Geist wieder auf, auch wenn wir den Zusammenhang nicht mehr erkennen können.
Freiheit von Stolz und Arroganz
Freiheit von Stolz und Arroganz ist wichtig, weil wir erst dadurch unsere wahre Identität, unser Verhältnis zu dieser Welt erkennen lernen. Es besteht eine ewige Beziehung zwischen dem Schöpfer, der Schöpfung und uns als geschaffenem Wesen. Um diese Beziehung wirklich zu verstehen, müssen wir erkennen, welchen Platz wir in diesem Gesamtgefüge einnehmen. Wir als Lebewesen sind von so vielen Faktoren abhängig, wie zum Beispiel von Nahrung, von Sauerstoff, einem Obdach, unserer Gesundheit und dem allgemeinen Wohl. Erst beim Gewahr-Werden dieser Abhängigkeit können wir unsere bescheidene Position im Verhältnis zur Schöpfung und zum Schöpfer verstehen lernen.
Nicht stehlen
Nicht zu stehlen bedeutet, frei von Gier zu werden. Solange wir gierig sind, haben wir die Tendenz, uns zu bereichern - auch auf Kosten Anderer. Wir sollten lernen, mit dem zufrieden zu sein, was uns das Universum schenkt. Denn alles was uns in diesem Leben begegnet, ist unserem Karma gemäß ein unmittelbares Resultat unserer ursprünglichen Handlungen. Dieses Verständnis hilft uns, unsere Gier zu zügeln und unser Verlangen nach Dingen, die letztlich nicht wirklich zum Leben notwendig sind, drosseln zu lernen, um letztlich in diesem Leben ein reiferer Mensch zu werden.
Möchte man ernsthaft Yoga praktizieren, so sollte man nach Patanjali diese fünf genannten Eigenschaften stetig weiterentwickeln, um sein Bewusstseinsniveau auf eine höhere Stufe zu erheben. Bleibt das Bewusstseinsniveau hingegen auf der körperlichen Ebene stehen, so wird uns die andere Dimension der Schöpfung und unseres Daseins verschlossen bleiben. Unsere Weltsicht bleibt beschränkt wie die eines Tieres, denn ein Tier hat nicht die geringste Ahnung einer anderen, transzendentalen Dimension. Solange unser Bewusstsein sich jedoch nur mit der sinnlichen Daseins-Ebene begnügt, und wir diese materielle Welt lediglich mittels unserer grobstofflichen Sinne erleben wollen, verharren wir in der Dunkelheit, der Unwissenheit und des Leids.
Die fünf genannten Eigenschaften des ersten Gliedes des achtstufigen Yogasystems sind so wichtig, da wir durch das Entwickeln und Praktizieren dieser Eigenschaften unseren Geist reinigen, stärken und so fokussieren, dass es uns durchlässiger für die Eindrücke der transzendentalen Dimension macht.
Mehr über Yama
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Sri Sarvabhavana ist indischer Mystiker, spiritueller Begleiter in der Bhakti-Yoga-Tradition und Gelehrter der authentischen vedischen Schriften. Sein tiefes Verständnis der vedischen Spiritualität manifestiert sich in seinen Lebensberatungen, Vorträgen und Reisen zu einer der wenigen autorisierten Bhrigu-Palmblattbibliotheken Indiens.
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