Niyama, die zweite Stufe nach Patanjali

Niyama, das zweite Glied des Yogasystems nach Patanjali

Eines der wichtigsten Anliegen für jemanden, der sich für die Yogapraxis interessiert, ist es von Unwissenheit frei zu werden. In den Veden ist Unwissenheit, Avidya (Sanskrit) als die Ursache vieler unserer Probleme und die Wurzel unseres Leides angesehen. Ein Vers aus dem Purana (Eine Sammlung heiliger Schriften zur Unterweisung, wörtlich „das was vervollständigt“) besagt: „Das unmittelbare Resultat von Anhaftung an die Materie ist Angst“. Daher beschäftigt sich Yoga gleich schon am Anfang mit dem Thema der Unwissenheit und damit, wie man Unwissenheit vertreiben kann und soll.

Das zweite Glied des Yoga heisst Niyama

Niyama bedeutet Regelmäßigkeit. Erhält das Wort „Yama“ die Vorsilbe „Ni“, bedeutet es, Yama mit Regelmäßigkeit zu praktizieren. Hierbei beginnt sich unser Leben so zu strukturieren, dass Disziplin und Regelmäßigkeit hervorgerufen werden.

Niyama setzt sich aus fünf Bestandteilen zusammen:

1. Der erste Bestandteil heisst Saucha (Sanskrit), übersetzt bedeutet das Reinheit – auf beiden Ebenen.

Gemeint sind damit die äußerliche, körperliche Reinheit sowie  die innere, feinstoffliche Körperreinheit.

Der Mensch besitzt als verkörperte Seele zwei Arten von Körpern, den grobstofflichen und den feinstofflichen Körper. Der grobstoffliche Körper ist eine Mischung der fünf grobstofflichen Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. In Wandlung erscheinen sie uns als unser sinnlicher, grobstofflicher Körper.

Der feinstoffliche Körper, Linga Sharira (Sanskrit), besteht aus Geist, Intelligenz oder Vernunft und Ego. Wenn die Seele in karmischer Reaktion und dem Kreislauf von Geburt und Tod gefangen ist, spricht man von falschem Ego, Ahankara (Sanskrit).

Reinheit steht hier auch in Verbindung mit reinen Wünschen, reinen Gedanken, reinen Gefühlen und reinen Zielen, die wir durch unsere Intelligenz pflegen. Den Körper rein zu halten bedeutet nicht, ihn im Übermaß zu schonen oder zu verwöhnen, sondern vielmehr ihn zu pflegen, um ihn frei von Krankheit, sauber, gesund und stark zu erhalten. Dazu gehört das Wissen, was es zur guten Pflege braucht und was nicht, welche Mittel, Verhaltensweisen und Gewohnheiten den Körper schwächen und welche ihn stärken. Hierüber sind auch in den Schriften des Ayurveda genaue Informationen enthalten.

Die innere Reinheit führt zur besseren Konzentration, zur Beherrschung der Sinne und zur Bewusstheit unserer wirklichen Identität, die über den Körper hinausgeht. Durch die äußere Reinheit erhält man die Gesundheit, die es ermöglicht alles zu unternehmen, was für die Yogapraxis benötigt wird.

2. Der zweite Bestandteil ist innere Ruhe und Zufriedenheit, Santosha (Sanskrit).

Innere Ruhe verstärkt Entschlossenheit und die Zuversicht das Ziel des Yoga zu erreichen. Die Wahrnehmung der eigenen, inneren Zufriedenheit führt auch zu einer gewissen Freude. Ist unser Geist zerstreut, lässt er sich sehr schnell verzetteln und lässt uns diese innere Zufriedenheit und Freude nicht mehr spüren.

3. Samyam (Sanskrit), Enthaltsamkeit ist der dritte Bestandteil.

Alle Handlungen, die wir ausführen, jeder Impuls, Eindruck und Einfluss, der unseren Körper und Geist erreicht, kann hier gefiltert werden durch Enthaltsamkeit. Auf allen Ebenen unseres täglichen Lebens und bei allen körperlichen Aktivitäten, die in die vier Aktivitäten Schlafen, Essen, sich verteidigen und sich fortpflanzen unterteilt sind, wird die Übung der Enthaltsamkeit praktiziert.

Auf der geistigen Ebene bedeutet Enthaltsamkeit ganz bewusst Eindrücke und Informationen zu filtern, um uns durch sie nicht ablenken zu lassen von unserem Lebensziel. So sollen alle geistigen Aktivitäten, wozu auch unsere Wünsche gehören, von Enthaltsamkeit geleitet sein. Unser Geist oder Manas (Sanskrit) hat dreierlei Funktionen: Denken, unterteilt in Sankalpa und Vikalpa - Fühlen und Wünschen. Sankalpa bedeutet, etwas zu beschließen oder Ideen zu verknüpfen, Vikalpa bedeutet unerwünschte Ideen abzulehnen. Es ist notwendig, dass keine dieser drei Funktionen den Yogi von seinem Pfad ablenkt.

Dem Wünschen sind weitere Neigungen zugeordnet, so auch der Drang zu Sprechen, der Drang des Zorns, der Drang der Zunge, der Drang des Magens und der Drang des Geschlechtsteils. Auch in all diesen Neigungen muss Enthaltsamkeit geübt werden. Durch die Beherrschung des Körpers und der Sinne werden die Unreinheiten beseitigt. Zu den Unreinheiten gehören auch unsere negativen Eigenschaften, da sie uns in unserer Entwicklung behindern.

Im Bezug auf unsere Ernährung bedeutet Enthaltsamkeit nicht einfach nur wenig zu essen, sondern auch entsprechend unserer Körperkonstitution das Richtige zu essen zum richtigen Zeitpunkt. Hier wird deutlich, dass das Wissen des Ayurveda sehr eng mit dem Yogasystem verbunden ist. Gesundes Essen besteht aus der Nahrung, die bekömmlich ist für die eigene Konstitution und damit ein gesundes Gleichgewicht zwischen den Doshas aufrechterhält.
Doshas ist ein Begriff aus dem Sanskrit im Ayurveda, der die Kräfte beschreibt, nach denen die verschiedenen Funktionen des Körpers eingeteilt werden. Es gibt drei Doshas: 1. Kapha - Schleim, 2. Pitta - Galle und 3. Vata - Luft.

4. Der vierte Bestandteil, Svadhyaya (Sanskrit), beschreibt das Studium der heiligen Schriften.

Svadhyaya bezieht sich hier auf die Bücher, die das Wissen enthalten über das Yogasystem, das Wissen über die Beziehung zu unserem Körper und zu dieser Welt, in der wir uns befinden und über unsere Beziehung zu dem Schöpfer, der diese Welt und uns erschaffen hat.

Neben den Büchern, die wir für unseren Beruf oder als Student an der Universität lesen, steht im Mittelpunkt dieses Studiums hierbei gezielt die Literatur, die sich mit der ewigen Beziehung zwischen uns, dem Schöpfer und der unbegrenzten, spirituellen Energie des Schöpfers, die in das Phänomen der Schöpfung umgewandelt ist, beschäftigt. Ohne das Wissen welche Bereiche unser Leben umfasst, wodurch unsere Handlungen bestimmt werden und welche Natur und Gesetzmäßigkeiten wirken, ist es nicht möglich richtig zu handeln, d.h. die Handlungen auszuwählen, die nicht gegen die Naturgesetze verstoßen und damit in ihren Ergebnissen nicht unmittelbar zu Leid führen.

Es mag hier die Frage aufkommen, wie es als Berufstätiger oder Student möglich ist, so viele zusätzliche, weiterführende Bücher zu lesen. Das ist möglich, wenn man durch Yama, die vorherige Stufe und die Praxis von Niyama, die gerade beschriebene Stufe, eine gewisse geistige Stärke entwickelt hat, die dazu befähigt sich ungestört mit etwas zu befassen, sich gut konzentrieren zu können, aufnahmefähig zu sein, das Aufgenommene im Gedächtnis zu speichern und es im Bedarfsfall wieder abzurufen.

5. Der fünfte Bestandteil von Niyama ist die Hingabe an Gott, Isvara pranidhana (Sanskrit).

Das Wort Isvara hat eine übergeordnete, allgemeine Bedeutung und bezieht sich nicht auf eine bestimmte Religion. Isvara steht für das höchste, völlig unabhängige, kontrollierende Prinzip, den Schöpfer sowie auch die Überseele, die die Lebewesen in jeder Inkarnation begleitet, ihren Herzen innewohnend und wohlgesonnen.

Sambandha bedeutet Beziehung oder Verbindung. Jnana heisst Wissen, Erkenntnis.
Die Verbindung dieser beiden Worte, Sambandha-jnana, bezeichnet das richtige Wissen über die Beziehung zwischen uns selbst als dem Betrachter der Schöpfung, in der wir uns befinden und dem Schöpfer von beidem.

Hingabe ist die einzige Haltung, dem höchsten kontrollierenden Prinzip oder Isvara gegenüber und die natürliche Tendenz und Natur der spirituellen Seele. Wenn ein Mensch verwirklicht hat, dass er als ein spiritueller Funken, in seinem verkörperten Zustand, völlig abhängig ist in seiner Existenz, dann entwickelt er eine spontane und natürliche Neigung sich einem vollkommenen Wesen hinzugeben.

In unserer Unvollkommenheit, die sich zeigt in unseren unvollkommenen Sinnen, in unserer Eigenschaft Fehler zu begehen, in Illusion zu geraten und zu betrügen, suchen wir Menschen immer etwas, das uns vollkommener machen könnte. Betrachten wir auf dieser Suche die Gegebenheiten und stellen die Überlegung an, ob wir nicht durch unseren freien Willen oder durch unsere Fähigkeit zu Wünschen und unsere eigene Kraft dazu in der Lage sind, Vollkommenheit zu erlangen, müssen wir feststellen, dass wir niemals unabhängig sind. Wir befinden uns in ständiger Abhängigkeit von vielen Dingen und Elementen - schon allein ohne Sauerstoff können wir nicht leben.

Indem wir die menschliche, eigene Abhängigkeit und Unvollkommenheit in den genannten Merkmalen erkennen, können wir auch erkennen, dass unser Wunsch nach mehr Vollkommenheit nicht durch andere unvollkommene Wesen erfüllt werden kann und verstehen, dass es im Zustand der Unvollkommenheit immer Frustration und Täuschung geben kann, ja geradezu geben muss. Das höchste, kontrollierende Prinzip, Isvara, und unsere Beziehung zu ihm hingegen ist von dieser Gefahr frei.

Mit zunehmender Praxis und Versenkung und auch durch das Studium der heiligen Schriften verstärkt sich das Erkennen der Harmonie, die zwischen uns, der Natur und dem Schöpfer besteht. Diese Erkenntnis, die wir so lange nicht hatten, wird zunehmend zu einer wahrnehmbaren Tatsache.

Ohne in Einklang mit der Natur zu leben ist es nicht möglich geistige Ruhe und Zufriedenheit zu erfahren. Wir sind ständig von drei Arten von Störungen geprägt: Störungen, die durch unseren eigenen Körper und unseren eigenen Geist geschaffen werden, Störungen hervorgerufen durch Naturbedingungen und -Ereignisse und Störungen durch andere Wesen. Diese drei Arten sind die Quelle von Leid. Durch die Beherrschung der Sinne und den Einklang mit den Naturgesetzen und Isvara, lässt uns die Wahrnehmung dieser drei Arten von Störungen nicht unmilltelbar zu leidvoller Erfahrung gelangen.

 

Quelle Headerfoto: Lachlan Hardy

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Sri Sarvabhavana ist indischer Mystiker, spiritueller Begleiter in der Bhakti-Yoga-Tradition und Gelehrter der authentischen vedischen Schriften. Sein tiefes Verständnis der vedischen Spiritualität manifestiert sich in seinen Lebensberatungen, Vorträgen und Reisen zu einer der wenigen autorisierten Bhrigu-Palmblattbibliotheken Indiens.

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