Yoga und Stressbewältigung
von Birgit Löwenbrück
Stress verursacht viel individuelles Leid und enorme Kosten im Gesundheitswesen. Fast alle Erkrankungen gelten heute als zumindest durch Stress mit verursacht. Der Lebensstil in den westlichen Gesellschaften fordert seinen Tribut und funktionierende Konzepte sind gefragt.
Hatha Yoga bietet ein ganzheitliches und differenziertes Instrumentarium zur individuellen Stressbewältigung mit hinreichend belegter Wirksamkeit. Neuere Untersuchungen zeigen die Wirksamkeit von Yoga selbst bei extremer Stressbelastung – in der Arbeit mit traumatisierten Menschen . Während in Fachkreisen bereits diskutiert wird, ob Yoga therapeutischen Interventionen überlegen ist, bedarf es weiterer Forschung, um diese Vermutungen zu untermauern. Dabei ist es nicht erforderlich neue Etiketten auf das gute alte Yoga zu kleben, auch wenn die Arbeit mit besonderen Zielgruppen ein fundiertes Fachwissen voraussetzt und ein besonders sensibler Umgang mit den TeilnehmerInnen selbstverständlich sein sollte. Yoga hat bereits alles, was zur erfolgreichen Stressbewältigung nötig ist – man muss es nur nutzen.
Die wichtigsten Methoden yogischer Stressbewältigung können hier nur beispielhaft genannt werden:
Swadhyaya – Studium des Selbst:
Selbstbeobachtung in diesem Zusammenhang bedeutet eine angeleitete, systematische Beobachtung und Dokumentation der auftretenden Stressreaktionen und ihrer Auslöser zur Bestandsaufnahme und Identifikation der individuellen Stressoren; die Reflektion über Veränderungsmöglichkeiten in einigen belasteten Lebensbereichen, die Entwicklung geeigneter Strategien und Mobilisierung entlastender Ressourcen um Veränderungen einzuleiten. Die achtsame Selbstbeobachtung trainiert gleichzeitig die Nicht-Identifizierung mit belastenden Emotionen durch Einnehmen der „Beobachterposition“, als hilfreiche Voraussetzung, um gelassene Bewältigungsstrategien im Umgang mit belastenden Situationen zu finden, die nicht veränderbar sind. Swadhaya bietet Schlüsseltechniken zur „Neubewertung“ von Situationen, zur Veränderung von Einstellungen und des sich wieder Verbindens mit den Quellen des Selbst.
Pranayama – Atemtechniken wie tiefe Bauchatmung, beruhigende Atmung im Rhythmus 3:6, Nadi Sodhana, lunare Atmung, Ujjay und Bhastrika, das Tönen des OM etc. führen zu tiefer Entspannung und helfen negative innere Zustände und Emotionen zu verändern.
Asana – Asanapraxis hilft die Stressfolgen im physischen und energetischen Körper abzubauen, führt zu tiefer Entspannung, der Fluss des Prana wird verbessert. Die Sensibilisierung der Körperwahrnehmung, die muskuläre Kräftigung und erhöhte Flexibilität geben neues Vertrauen in den Körper, das bei Stress häufig beeinträchtigt ist.
Dhyana – Konzentration bzw. angeleitete Meditationen verbessern die Selbstwahrnehmung, die Achtsamkeit im Umgang mit auftretenden Gefühlen, die Konzentrationsfähigkeit und eignen sich zur Unterbrechung von stressbedingtem Gedankenkreisen. Neuere Forschungen belegen die Wirksamkeit von Meditation als Methode der Stressbewältigung .
Shavasana – cosmischer Schlaf
hier bietet Yoga ein breites Spektrum von Möglichkeiten, wie muskuläre Anspannung im Wechsel mit Entspannung, den Bodyscan und mentale Entspannung durch gezielte Vorstellungen und Visualisierungen. Das Prana wird harmonisiert. Durch die Tiefenentspannung werden Regenerationsprozesse beschleunigt, Stresshormone abgebaut, Endorphine ausgeschüttet, das Immunsystem stabilisiert sich.
Die genannten Methoden im Einzel- oder Gruppensetting sind weder vollständig noch umfassend beschrieben, gleichwohl wirken sie kurzfristig palliativ auf Körper, Geist und Seele, als auch langfristig im Hinblick auf verbesserte Stressresistenz und Gelassenheit im Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Sie greifen ineinander, ergänzen und verstärken sich gegenseitig und erhöhen die Lebensqualität.
Nach meiner eigenen Erfahrung mit unterschiedlichen Ansätzen von Stressmanagement, Stressbewältigung und Entspannungsverfahren im Bereich der Prävention und betrieblichen Gesundheitsförderung, insbesondere mit belasteten Berufsgruppen (Führungskräfte und Helferberufe), ist Yoga als umfassendes, differenziertes und ganzheitliches System den westlichen Methoden und Entspannungsverfahren überlegen.
Quellen:
Dr. Bessel van der Kolk (USA) 2008, Traumacenter
Davidson, R. J. & Lutz, A. (2008). Buddha’s Brain: Neuroplasticity and Meditation.
Signal Processing 25(1), 171-174

Autorin: Birgit Löwenbrück
Birgit Löwenbrück ist Diplompädagogin, Yogalehrerin und Ausbilderin für Entspannungsverfahren und Stressbewältigung. Zudem führt sie Weiterbildungen für Yogalehrer zum Thema Stress
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