Yoga und der Respekt vor der Wissenschaft

Yoga und der Respekt vor der Wissenschaft

von Wilfried Huchzermeyer


Manche Yoga-Anhänger haben einen ziemlichen Respekt vor den akademischen Wissenschaften. Wenn irgendein Aspekt des Yoga vor den letzteren bestehen kann, ist er ernst zunehmen, andernfalls fragwürdig, denn sie sind das Maß aller Dinge. Ich sehe das etwas anders und meine viel mehr, dass diese Verneigung vor allem Akademischen etwas zu tief ist.

Werfen wir doch einmal einen Blick in die Geschichte der Medizinwissenschaft. Vor einigen Jahrzehnten wurde etwa die Akupunktur von ihr als Spinnerei belächelt und die Behauptung, dass in China sogar ohne Anästhesie mit Akupunktur operiert werde, wurde als schiere Fantasterei abgetan, weil es nach unserer Wissenschaft unvorstellbar erschien. Aber eines Tages kamen dann einige Mediziner auf die Idee, es sich einmal vor Ort anzusehen. Sie nahmen selbst an solchen Operationen teil und berichteten es dann ihren ungläubigen Kollegen in Deutschland. Das war vermutlich der Durchbruch für die Akupunktur im Westen. Die Wissenschaft hatte sich getäuscht, wieder einmal, weil sie nicht bereit war, sich auf Neues einzulassen und über ihre tradierten Denkmodelle hinauszugehen. In einem indischen Buch über Akupressur las ich einmal, dass dieses System auf die alte indische Medizin Ayurveda zurückgehe, welche von vedischen Rishis entwickelt wurde.

Lucie Beyer Bewegung in Leichtigkeit

Ähnlich ablehnend war die westliche akademische Medizin gegenüber der Homöopathie. Als aber dem Integralyogi Sri Aurobindo (1872-1950) von seinen Schülern in einem Gespräch in den 1930er Jahren von der Homöopathie und deren Prinzipien berichtet wurde, sagte er, der Erfinder des Systems müsse wohl intuitiv etwas vom feinstofflichen Körper gewusst haben, welcher den Yogis seit langem als sûkshma sharîra bekannt ist. Obgleich nun die Homöopathie auch in der Tiermedizin verwendet worden ist,  wurde sie von vielen westlichen Allopathen als Placebo-Methode verspottet. Inzwischen hat sie, genau wie die Naturheilkunde, an manchen Universitäten Einzug gehalten, und viele ÄrztInnen bieten sie auf den Gelben Seiten an. Und selbst der Placebo-Effekt wird inzwischen von manchen Forschern als das wahrgenommen, was er in Wirklichkeit ist, nämlich eines der wunderbarsten Phänomene der Medizin. Es ist die Heilung durch Vorstellung, durch die Erwartung des Gesundwerdens, befördert durch ein äußeres Symbol. Aus der Sicht des Yoga alles kein Geheimnis, sondern ein natürlicher Vorgang. Yogis wie Paramahansa Yogananda (1893-1952) oder Selvarajan Yesudian (1916-1998) haben ihre westlichen SchülerInnen schon vor sehr langer Zeit auf die Mind-Body-Wirkmechanismen hingewiesen.

Wenn es um die Frage von Freiheit und Determination geht, wird gern auf die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung verwiesen. Legen sie nahe, dass alles determiniert ist, ist eben alles determiniert. Aus yogischer Sicht dagegen ist das Bewusstsein in seiner höchsten Form – Purusha - frei und unendlich. Es existiert unabhängig vom Gehirn, manifestiert sich aber u.a. in ihm als Denken und Empfinden. Wenn der Mensch in der tiefen Meditation eins wird mit dem Purusha, dann ist er frei, egal was die Hirnforschung heute oder morgen befindet. Für die Yogis war dies stets der Weg, d.h. das „Zeugenbewusstsein“ zu erarbeiten und damit auf das Wirken der Prakriti – Natur - zu blicken. Ich denke, dass sich fortgeschrittene Psychologie und Yoga in diesem Punkt ganz gut begegnen könnten.

„Begegnung“ erscheint ohnehin das richtige Wort zu sein. Yoga und Wissenschaft sollten gegenseitigen Respekt voreinander haben. Das Yoga hat den Mut, auch ins Unbekannte vorzustoßen und unsichtbare Realitäten zu erforschen. Die Wissenschaft hat die Geduld und die Methoden, um bestimmte Standards einzuhalten und eine Wald-und-Wiesen-Esoterik zu verhindern, die nach Belieben alles behauptet, was genehm ist und Zulauf bringt. Es kann im Idealfall eine sehr fruchtbare Beziehung sein und ist es in Teilbereichen bereits, zum Nutzen der Menschheit. 

Autor: Wilfried Huchzermeyer

Wilfried Huchzermeyer hat Indologie, Philosophie und Religionswissenschaft studiert. Er ist u.a. Autor der Bücher "Das Yoga-Lexikon", "Die heiligen Schriften Indiens – Geschichte der Sanskrit-Literatur" sowie "Yogis, Yoginis und Asketen im Mahabharata".

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