Hildegardmedizin - ein yogischer Heilweg?
Heilgeheimnisse einer mittelalterlichen Prophetin
von Andrea Wichterich
Die Hildegardmedizin geht zurück auf Hildegard von Bingen, die von 1098 bis 1179 lebte und wirkte. Bereits zu ihrer Zeit genoss sie große Berühmtheit, da sie seit ihrer Kindheit Visionen durch „das Lebendige Licht“ empfing, deren Inhalte sie – einem göttlichen Auftrag folgend und durch den Papst selbst dazu ermutigt – ab ihrem 43. Lebensjahr niederschrieb. Hinterlassen hat sie ein sehr umfangreiches Werk, in dem sie Gott und die Welt erklärt, ja Gott in seiner Anwesenheit in der gesamten Schöpfung beschreibt und sich somit sehr von der kirchlichen Haltung distanziert, die den Leib und alles Materielle als sündhaft und schlecht beschreibt. Für die mittelalterliche Äbtissin hingegen galt der Leib als Tempel der Seele und war somit auch gut zu behandeln und von Giftstoffen rein zu halten. Eine Haltung, die sie durchaus mit den Yogis teilt, für die: ein gesunder Körper die Vorraussetzung für jegliche spirituelle Entwicklung darstellt.
Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass ausleitende Therapieverfahren sowie die gründliche Reinigung und Entgiftung des Körpers eine zentrale Rolle in Hildegards medizinischen Werken einnehmen. Verwunderlicher ist vielmehr, dass dieses Werk bis ins letzte Jahrhundert hinein vor sich hinschlummerte und erst durch den Arzt Gottfried Hertzka, der auch den Begriff der Hildegardmedizin prägte, zum Leben erweckt und in seiner Anwendbarkeit erforscht wurde. Ans Licht kam so eine Ganzheitsmedizin, die den Menschen, eingebunden in den gesamten Kosmos betrachtet und deren Behandlungsweisen sich sowohl auf den göttlichen, den kosmischen als auch auf den körperlichen und seelischen Bereich beziehen. Nach Hildegard geht eine jede Krankheit zurück auf eine falsche Lebensweise, und ist – auf den entsprechenden Bereich Bezug nehmend – zu behandeln.
Neben zahlreichen, bewährten Rezepturen aus Heilkräutern und der Anwendung von Edelsteinen, nehmen ihre spezielle Ernährungslehre, sowie die erwähnten Ausleitungsverfahren eine zentrale Stellung in der Medizin der Seherin ein. Ein Herzstück der von ihr empfohlenen Behandlungsweisen bildet zweifellos der Aderlass. Dieser besonders sanfte Aderlass, der an den sechs Tagen nach Vollmond durch geführt wird, hat sich sehr bewährt zur allgemeinen Entgiftung und Verbesserung des Stoffwechsels, wirkt schmerzstillend und entzündungshemmend, kann ein hormonelles Ungleichgewicht regulieren und wird bei zahlreichen weiteren Indikationen sowie zur allgemeinen Gesundheitsförderung empfohlen.
Gerade für die Menschen unserer Zeit ist oft der Aderlass ein mögliches Mittel – sind wir nicht nur durch den Kontakt mit Umweltgiften sehr belastet, die häufig auch noch eine hormonähnliche Wirkung in unserem Organismus aufweisen. Oft vergiften wir uns obendrein noch selbst durch den Dauerstress, dem wir uns aussetzen und häufigen „Linderungsversuchen“ durch Genussgifte. Dabei ist heute ausführlich erforscht, was Hildegard von Bingen bereits damals wusste: Stress schwächt nachhaltig das Immunsystem. Der Organismus wird infektanfälliger; oft entwickeln sich sogar Autoimmunerkrankungen oder Allergien. Und damals wie heute ist - nicht nur Menschen, die einen spirituellen Weg beschreiten - bekannt, dass es auf das rechte Maß, auf ein Gleichgewicht von Spannung und Entspannung ankommt. Dieses nachhaltig wieder herzustellen, beinhaltet in der Regel Änderungen in der Lebensweise.
Einen ersten Impuls kann hier der Aderlass geben. Neben der direkten Ausleitung von Giftstoffen öffnet sich durch den „Aderlassschock“ die körpereigene Apotheke, so dass zahlreiche Hormone ausgeschüttet werden und der Körper einen starken Impuls zur Selbstheilung erhält. Die Ausschüttung von körpereigenem Cortison bewirkt auch eine intensive Entspannung. In dieser Entspannungsphase nach dem Aderlass empfinden die Menschen nicht selten intensive Glücksgefühle.
In unserer Praxis nutzen wir das Aderlassblut ebenfalls zu Diagnostikzwecken: Vierundzwanzig Stunden nach der Blutentnahme führen wir eine Phänomenanalyse nach Hildegard von Bingen durch und lesen am Blut verschiedene Tendenzen des Organismus ab, Krankheiten oder ein Ungleichgewicht – oft noch lange, bevor dies mit schulmedizinischen Methoden sichtbar wird. Wir finden beispielsweise Hinweise auf Stoffwechselstörungen, hormonelle Dysbalancen, akute oder chronische Entzündungsgeschehen sowie eine allgemeine Belastung des Organismus durch Stress und andere Gifte. Hieraus lässt sich dann in Kombination mit weiteren diagnostischen Verfahren und einer ausführlichen Anamnese ein individueller Behandlungsplan für den Einzelnen entwickeln.
Autorin: Andrea Wichterich
Diplom-Heilpädagogin, Heilpraktikerin in eigener Praxis in Bergisch Gladbach (Bensberg) therapeutische Schwerpunkte: Hildegardmedizin, Ausleitungsverfahren, Phytotherapie, Ayurveda, Sat Nam Rasayan und Frauenheilkunde. Seit 15 Jahren Yoga- und Meditationspraxis, u.a. Satyananda- und Kundalini-Yoga sowie Meditationstechniken von Osho. Seit 10 Jahren Erfahrungen mit Schwitzhütten und anderen schamanischen Techniken und Ritualen.
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