Wasserkefir – gesunde Limonade aus "Japankristallen"
von André Götz
Sie sind nur wenige Millimeter groß, funkeln wie Bergkristalle, und sie vermehren sich wie verrückt. Ganz nebenbei produzieren sie auch noch ein biologisch aktives Gärgetränk – eine gesunde Alternative zu industriell hergestellter Limonade. Klingt seltsam? Ist es aber nicht. Die Rede ist von Wasserkefir. Die hellen, durchscheinenden Körnchen der Wasserkefir-Kultur, die auch unter dem Namen "Japankristalle" bekannt sind, bestehen vor allem aus verschiedenen Milchsäurebakterien und Hefen. Diese Mikroorganismen setzen einen Gärprozess in Gang und gehen in großer Zahl in das fertige Wasserkefir-Getränk über. Es ist leicht, Wasserkefir zu Hause selbst herzustellen.
Genau wie der berühmte Kombucha Teepilz und wie der echte Kefir (der mit Milch kultiviert wird) ist auch der Wasserkefir eine Lebensgemeinschaft, eine so genannte Symbiose: Verschiedene Organismen leben zusammen und verschaffen sich gegenseitig die richtigen Lebensbedingungen und Nährstoffe. Doch während Kombucha und Kefir praktisch weltweit geschätzt und getrunken werden, führt der Wasserkefir zumindest in Deutschland eher ein Schattendasein. Zu Unrecht. Wasserkefir schmeckt hocharomatisch, enthält viele wertvolle Inhaltsstoffe und seine Herstellung ist denkbar einfach: Man setzt die Japankristalle mit Wasser an und "füttert" sie mit Rohrohrzucker, einer Zitronenscheibe und einigen getrockneten Feigen. Auch andere Trockenfrüchte wie die vitalstoffreichen und sehr beliebten Goji-Beeren sind gut geeignet, um damit Wasserkefir zu produzieren.
Bei guter Pflege vermehren sich die Japankristalle recht schnell. Schon wenige Minuten nachdem man den Wasserkefir angesetzt hat, beginnt die Gärung. Kohlensäure bildet sich, einzelne Kristalle steigen in der Flüssigkeit nach oben, teilen sich (weil die Kohlensäure in ihrem Inneren sie "aufsprengt") und sinken wieder nach unten – in der Gärflüssigkeit geht es richtig turbulent und aufregend zu.
Nach rund 48 Stunden ist dann ein köstliches, süß-saures Getränk entstanden, das im Geschmack an Bitter Lemon oder jungen Federweißen erinnert. Es ist leicht getrübt, sprudelt wie Sekt und schmeckt kalt sehr erfrischend. Die enthaltenen Hefen sind vitaminhaltig (besonders Vitamin-B-Komplex, aber auch Vitamin D und Vitamin C). Die vitalen Milchsäurebakterien wiederum können sich vorübergehend im Darm ansiedeln und dadurch unsere Verdauung fördern.
Das Wasserkefir-Grundrezept
Der Wasserkefir-Ansatz lässt sich in wenigen, simplen Schritten erklären:
- Schütten Sie 1 Liter Wasser in ein großes Glas und lösen Sie 80 g Rohrohrzucker darin auf.
- Geben Sie die Wasserkefir-Kultur (ca. 3 Esslöffel Japankristalle) hinein.
- Fügen Sie nach Belieben 20-50 g Trockenfrüchte hinzu, z.B. 2-3 Feigen, eine halbe Hand voll Rosinen oder Goji-Beeren.
- Geben Sie 1-2 Zitronenscheiben in den Ansatz. Am besten eine unbehandelte Zitrone verwenden, die Sie bedenkenlos inklusive der aromatischen Schale in den Ansatz geben können.
- Verschließen Sie das Glas so, dass entstehende Kohlensäure gerade noch entweichen kann, z.B. mit Frischhaltefolie und Gummiring.
- Stellen Sie das Glas an einen warmen Ort und lassen Sie den Wasserkefir 2-3 Tage gären. Umso länger der Wasserkefir gärt, desto saurer wird er.
- Gießen Sie den Wasserkefir durch ein Kunststoffsieb ab und stellen Sie das fertige Getränk kalt.
Wenn Sie die Japankristalle in einem Sieb kurz mit kaltem Wasser abgebraust haben, können Sie einen neuen Ansatz starten.
Das Schönste aber: Wasserkefir lässt sich bei der Herstellung wunderbar variieren. Je nach benutzten Zutaten erhält man ein immer wieder neues, sehr abwechslungsreiches Gärgetränk mit den verschiedensten gesunden Inhaltsstoffen. Benutzt man statt der Zitrone lieber Limetten- oder Orangenscheiben erhält man einen leichten Sommerdrink. Im Winter kann man die Japankristalle mit Zimt, Kardamom und Chilischoten ansetzen. Mit Zuckerrohr-Melasse und frischem Ingwer entsteht eine malzig-intensive Ingwer-Limonade, das traditionelle Ginger Root Beer. Und Früchtetees sorgen je nach beigefügter Sorte für natürliche Hibiskus-, Apfel- oder Zitronengrasaromen.
Woher stammt der Wasserkefir?
Genau wie bei seinem "großen Bruder", dem Teepilz Kombucha, ist nichts Eindeutiges über die Herkunft des Wasserkefirs bekannt. Der Kombucha-Experte Günther W. Frank berichtet, dass 1899 eine dem Wasserkefir ähnliche Lebensgemeinschaft auf mexikanischen Feigenkakteen entdeckt wurde, wo sie in zuckerhaltigem Tauwasser bzw. in Zucker-Ausscheidungen der Kakteen wuchs. Vielleicht liegt hier der natürliche Ursprung der Kultur.
Gut belegt ist hingegen, dass der Wasserkefir seit den 1930er Jahren in der Schweiz unter dem Namen "Tibi" bekannt und sehr beliebt war. In Frankreich wurden die Japankristalle "graines vivantes" ("lebende Körnchen") genannt. Auch eine Verwandtschaft zu der "Ginger Root Plant", mit der in Amerika und England bereits im 19. Jahrhundert Ingwer-Limonade gebraut wurde, ist lange vermutet worden. Mittlerweile geht man davon aus, dass die Herstellung des berühmten Ginger Root Beer tatsächlich mit einer dem Wasserkefir sehr ähnlichen Kultur stattfand. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Siegeszug industrieller Soft Drinks, verschwand der Wasserkefir weitgehend aus den europäischen Haushalten. Erst in den letzten Jahren wurde er als gesundes, preiswertes und leckeres Hausgetränk wieder entdeckt.
Bleibt zu hoffen, dass er als natürliches, wertvolles Nahrungsmittel den Stellenwert erhält, den er verdient. Wichtige Lebensmittel wie Bier, Wein und Brot entstehen mit der Gärung von Hefepilzen. Und die Ansäuerung durch nützliche Bakterienkulturen nutzt der Mensch seit jeher, um Lebensmittel haltbar und gesund zu machen – man denke nur an Käse, Joghurt, Essig, Sauerkraut oder das koreanische Kimchi. Übrigens: Die meisten angesäuerten Lebensmittel werden basisch verstoffwechselt. Wer auf eine basische Ernährung achtet, hat mit Wasserkefir, Kombucha & Co. also ebenfalls ideale Getränke gefunden.

Autor: André Götz
André Götz gilt als Experte für Wellness-Drinks und Gärgetränke. Von Hause aus Medienwissenschaftler und Soziologe, beschäftigt er sich seit über 10 Jahren mit der Herstellung und Geschichte von Kombucha, Kefir und Wasserkefir. Seit 2006 betreibt er mit seinem Partner Peter Höfs, Heilpraktiker und Ernährungsberater in eigener Praxis in Frankfurt am Main das Internetportal Wellness-Drinks.
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