Stressbewältigung

Thema Stressbewältigung – Ein Workshop mit sich selbst

Interview mit Christine Rinke


Frau Rinke, Sie beschäftigen sich in Ihrer Beratungspraxis intensiv mit dem Thema „Stressbewältigung“. Was ist dabei Ihrer Meinung nach entscheidend?

Das Thema ist sehr komplex, und es gibt darüber sehr viele Informationen. Entscheidend aber ist, die tatsächlichen persönlichen Stressoren zu identifizieren. Oftmals ist es nämlich nicht nur die Quantität der zu bewältigenden Aufgaben, sondern auch „Was“ ich tue (Inhalt) und „Wie“ ich es tue  (Art und Weise) sowie die jeweilige innere Einstellung dazu.



Können Sie uns ein kurzes Beispiel nennen?

Um es zu verdeutlichen: Eine Person hat z.B. den Anspruch, dass in ihrem Arbeitsumfeld möglichst alles perfekt, pünktlich und geordnet vonstatten geht (womit sie allerdings schon von Hause aus einen potentiellen Stressor hat). Sie arbeitet jedoch in einem Umfeld, in dem Abläufe nicht präzise planbar und vorhersehbar sind, nehmen wir als Beispiel ein Arzt in einem Krankenhaus, und dann entsteht ein innerer, meist unbewusster Konflikt, der auf Dauer sehr kräftezehrend wirkt. Das ist wie gegen Windmühlen kämpfen.



Was hilft in einem solchen Fall?

Meines Erachtens gibt es für die Stressbewältigung keine Null-Acht-Fünfzehn-Lösung. Es ist immer alles sehr individuell, so wie die Menschen selbst. Es hilft allerdings, sich diese Zusammenhänge wirklich einmal bewusst zu machen. Der innere Antreiber:  „Ich/Es muss immer perfekt sein und alles schaffen“ lässt sich z.B. wunderbar hinterfragen mit: „Sonst passiert was?“ Damit kommt man sich selbst schon ein Stück weit auf die Spur, und das führt oft zu einem erhellenden „AHA“-Effekt. Zur Unterscheidung davon: ein gesunder Ehrgeiz gehört natürlich auch zu einem erfolgreichen Leben – und das bringt ja definitiv Freude und Anerkennung. Da geht es eben um die Balance.



Burn-out ist bei Frauen eines der häufigsten Symptome in unserer modernen Gesellschaft. Wie kommt das?

Unsere Gesellschaft ist ausgesprochen leistungsorientiert. Dabei haben wir den Menschen in seiner Gesamtheit aus Körper, Geist und Seele aus den Augen verloren. Frauen sind z.B. eine der ersten Risikogruppen, die häufig an Burn-out erkranken. Das liegt u.a. an den vielen unterschiedlichen Rollen, die Frauen gleichzeitig innehaben und an ihrem oft hohen Anspruch, alles „mindestens hervorragend“ zu machen und allem gerecht zu werden. Da kommt es vor, dass Erschöpfungssymptome als Feinde betrachtet werden, die besiegt werden wollen. Üblicherweise wird dazu noch mehr Willenskraft eingesetzt und sich noch mehr angestrengt! Ein Teufelskreis.


 
Es gibt ja meterweise Ratgeber und vielfältige Angebote zum Thema Entspannung und Stressbewältigung. Warum kommen die Menschen meistens damit nicht wirklich voran?

Weil Stressbewältigung eben individuell ist und mit dem Thema eine Bewusstseinsbildung verbunden ist, die etwas mehr Zeit und Initiative braucht. In letzter Konsequenz geht es natürlich um die Umsetzung der neu erworbenen Erkenntnisse. Ohne dieses TUN bleibt alles so, wie es ist. Es gehört auch etwas Mut dazu, eingetretene Pfade zu verlassen.



Was schlagen Sie als ersten Schritt den vielen Menschen  vor, die sich erschöpft fühlen?

„Lächeln Sie und tun Sie (mal) nichts!“  - Sie können es sich vielleicht nicht vorstellen, aber diese Mini-Übung kann schon ein kleines Wunder bewirken: Einfach da sitzen, Augen schließen, ruhig atmen, die Gedanken ziehen lassen wie Wolken am Himmel, nur wahrnehmen, sonst nichts – täglich fünf Minuten lang. Sie werden spüren, wie aufbauend das ist.



Wie behandeln Sie diesen Themenkomplex in Ihrer Beratung?

Achtsamkeit und Prävention sind Schlüsselthemen. Ich arbeite auf mehreren Ebenen, im Einzelcoaching und in der Gruppe. Ich lege auch Wert auf die Feststellung, welche Form der Erschöpfung vorliegt, um gezielt intervenieren zu können. Handelt es sich um eine akute Situation oder vielleicht schon um einen längeren Verlauf? Beim ersteren bringen Sofortstrategien von gutem Zeitmanagement, Loslassen von Ballast und ausgewählte körperliche Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga, Meditation, leichtes sportliches Ausdauertraining, frische Luft und möglicherweise eine Ernährungsumstellung schnell gute Ergebnisse. Beim zweiteren ist es  zusätzlich sinnvoll, etwas tiefer in die Struktur der Persönlichkeit hineinzuschauen. Zum Beispiel: „Welche Verhaltensweisen und –muster lebe ich, die mich an den Rand der Erschöpfung bringen.“



Wenn Menschen in der Erschöpfungsfalle sitzen, haben Sie bereits sehr lange Zeit ihre Energien überall hingetragen und das Auftanken vergessen. Wie helfen Sie Ihren Klienten, wieder  mehr Lebensqualität zu erlangen?

Zu Anfang unterstütze ich diesen Prozess gerne mit einer Selbst-Reflexions-Strategie: Wie sieht mein inneres unbewusstes Leistungsskript aus? Woher kommt meine Energie, wohin geht Sie? Welche Werte habe ich und welche haben zur Zeit Priorität? Wer sind meine Förderer? Wer oder was sind  meine Saboteure. Wie steht es mit meiner körperlichen, mentalen und seelischen Gesundheit?  Alternative Handlungsstrategien können ja nur dann sinnvoll und dauerhaft entwickelt werden, wenn ich weiß, worum es bei mir eigentlich geht. Alles andere kratzt nur an der Oberfläche und führt langfristig nicht wirklich zu zufriedenstellenden Ergebnissen.



Das klingt ja direkt nach zusätzlicher Arbeit, also Stress mit dem Stress?

Das hängt von der Einstellung dazu ab. Sie können diesen „Workshop mit sich selbst“ als zusätzlichen Aufwand betrachten, aber auch z.B. als einen bewussten Akt zu mehr Harmonie und Lebensfreude. Diese Wahl liegt ganz bei Ihnen.

Frau Rinke, vielen Dank für das Gespräch!

Christine Rinke

Christine Rinke ist Diplom Kommunikationswirtin, Personal Coach, psychologische Beraterin, zertifizierte Stressbewältigungstrainerin, Seminarleiterin Autogenes Training und Hypnotherapeutin. Sie lebt und arbeitet in Berlin in ihrer eigener Praxis.

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