Gleichmut

Gleichmut nicht nur durch Yoga

 

Gleichmut als ein Pfeiler glücklich zu leben

Im Karma Yoga ist Gleichmut eine der angestrebten Eigenschaften; er wird in der Bhagavad Gita treffend beschrieben:[Der Erhabene spricht:] „Wer Glück und Leid, Gold und Schlamm und Stein als gleichwertig betrachtet; wem das Angenehme und das Unangenehme, Lob und Tadel, Ehre und Schande, der Kreis der Freunde und der Kreis der Feinde eins sind; wer beständig in einer weisen, unerschütterlichen und unwandelbaren inneren Ruhe und Stille weilt; wer keine Tat anstrebt – dieser Mensch steht über dem Wirken der Natur.“ (Bhagavad Gita XIV, 24 f.)

Unser Leben pendelt in der Regel in der ganzen Bandbreite zwischen Himmelhoch-jauchzend bis Zu-Tode-betrübt, meistens ausgelöst durch äussere Ereignisse. Von einer höheren, einer spirituellen Warte aus betrachtet, sind die Ereignisse und Situationen an sich jedoch weder schlecht noch gut. Erst unsere Betrachtungsweise, die individuelle Bewertung, macht sie für uns zu erwünschten oder unerwünschten.

Genau diese Bewertung gilt es aufzuheben, wir müssen die Dualität „gut/schlecht“, „angenehm/unangenehm“, „geliebt/verhasst“ überwinden. In unserer christlich-abendländischen Kultur spricht man oft von Duldsamkeit und Leidensfähigkeit: Wir sollen Schmerzhaftes also erdulden – und das Leiden aushalten.

Gleichmut als eine immerwährende Zufriedenheit

Gleichmut ist indes weitaus mehr als blosses Akzeptieren-und-das-Beste-daraus-machen – wobei das schon bewundernswert und ein erster Schritt ist. Gleichmut bedeutet jedoch, an sogenannt Leidvollem nicht mehr zu leiden! Gleichmut ist eine immerwährende Zufriedenheit, eine tiefe Lebensfreude in jedem Augenblick, eine innere Ruhe, Seelenfrieden. Es ist der natürliche Zustand des Menschen, der beschlossen hat, sich nicht länger dem Diktat von Lust und Unlust, der Tyrannei von Glück und Leid zu beugen.

Selbstverständlich ist es nicht einfach, schwere Schicksalsschläge im gleichen Licht zu sehen wie einen Sechser im Lotto. Doch seien wir ehrlich, wie oft im Leben treffen sie uns? Womit wir uns wirklich häufig herumquälen sind die alltäglichen Begebenheiten, die nicht nach Wunsch verlaufen: Ich fahre im überfüllten Zug zur Arbeit und finde keinen Sitzplatz; die Erkältung ist lästig; ich muss die Fenster putzen; das Konzert hat meine Erwartungen überhaupt nicht erfüllt; das Wetter ist schon seit Tagen schlecht; mein Freund hat am kommenden Wochenende keine Zeit für mich; ich habe das gesuchte Buch nicht gefunden…

Durch Gleichmut im Fluss leben

Wenn es uns nur schon gelingt, die Wertung in solchen im Grunde genommen unwichtigen, banalen Situationen abzuschaffen, sie gelassen anzunehmen und zu handeln, wie es gerade erforderlich ist, ohne Unlust, Frustration, Verärgerung und andere negative Empfindungen, sind wir der immer währenden Zufriedenheit ein grosses Stück näher gerückt.

Wir werden Gleichmut nicht von einem Tag auf den anderen erlangen; wie bei all unseren Veränderungen müssen wir an uns arbeiten – doch es lohnt sich: In Gleichmut lebt es sich so leicht! Wahrer Gleichmut geht so weit, dass wir selbst gegenüber Krankheit und Verletzungen (körperliche und psychische) “immun” werden. Doch fangen wir nicht bei solch anspruchsvollen Lebenssituationen an zu üben, sondern bei den alltäglichen Kleinigkeiten:

  • Es ist keine Milch mehr da – dann trinke ich den Kaffee halt ohne und murre nicht, wie grässlich er schmeckt.
  • Ein Freund, mit dem ich verabredet war, sagt ab – dann mache ich halt etwas anderes und sitze nicht beleidigt zu Hause herum.
  • Ich wollte ins Kino, aber meine Mutter hat mich jetzt gebeten, ihr beim Grosseinkauf zu helfen – ich gehe freudig mit ihr, nicht etwa widerwillig, weil ich muss.
  • Ich finde keinen Parkplatz … Meine Tasche wurde mir gestohlen … Ich verschütte Himbeersirup auf das weisse Tischtuch … Mein Computer ist von einem Virus befallen worden … – unzählig sind die Alltagssituationen, in denen wir uns in Gleichmut üben können!

Wie steht es aber mit dem Sechser im Lotto? Entziehen wir uns dank Gleichmut dem Drama des Lebens, so können wir natürlich nicht die Täler meiden und die Gipfel dennoch erklimmen wollen! Wir müssen auf dem sanften Hügelzug der heiteren Gelassenheit wandern. Auch die beglückenden Ereignisse und Errungenschaften, die uns zu Luftsprüngen verleiten möchten, sind mit einer gesunden Portion Gleichmut entgegenzunehmen.

Das will nicht heissen, dass wir uns an dem, was uns zufällt, nicht erfreuen; wir sollten uns dabei lediglich bewusst sein, dass es eine nebensächliche Gabe ist, nicht die Voraussetzung zu unserer Zufriedenheit, und dass sich im gegenteiligen Fall für uns überhaupt nichts ändern würde. Die Freuden des Daseins sind sozusagen das Sahnehäubchen auf unserem ohnehin schon süssen Seelenfrieden!

Gleichmut bedeutet auf der anderen Seite nicht, gleichgültig, fatalistisch und träge zu sein. Vielmehr gilt: Es ist nicht richtig, in eine allgemeine Apathie zu verfallen und untätig zuzuschauen, wenn unser Handeln gefordert ist. Doch es ist richtig, unabänderliche Situationen gelassen anzunehmen und nicht als negativ zu bewerten.

Wir nehmen uns deshalb das in verschiedenen Varianten bekannte Gebet zu Herzen: „Lieber Gott, schenke mir die Gelassenheit hinzunehmen, was ich nicht ändern kann, die Kraft und den Mut zu ändern, was ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.?

Zwei Aufgaben, um Gleichmut im Alltag zu üben

Aufgabe 1: Alles annehmen, was mir zufällt. Wahrhaft gläubige Muslime sagen in jeder Situation „Al-hamdu li-llah“ (= Lob sei Gott, im Sinne unseres „Gott sei Dank“), egal ob sie im Lotto gewonnen haben oder eine Katastrophe geschehen ist. Das nehme ich mir zum Vorbild:

  • Ich danke für alles, was mir gegeben wird, beispielsweise für das Essen, das vor mir auf dem Tisch steht; für den Spaziergang, den ich mache; für das Gespräch, das ich mit jemandem führe; für die Kränkung, die ich gerade eingesteckt habe; für die Erkältung, die mich plagt; für die Entlassung von meiner Arbeitsstelle; für den Verlust meiner Brieftasche.
  • Ich spreche diesen Dank jedes Mal bewusst in Gedanken aus, mit der Formulierung, die für mich persönlich stimmt (Danke lieber Gott für …, Danke Göttliche Mutter für …, Ich danke euch höheren Mächten für …, oder mit anderen Worten) und bemühe mich, diese Dankbarkeit auch wirklich zu fühlen, selbst wenn das „Geschenk“ mir Leiden oder Traurigkeit gebracht hat.
  • Ich danke im Bewusstsein, dass was mir auch zugefallen ist, dem Höheren Willen entspricht, einen Sinn hat und gut für mich ist.

Aufgabe 2: Immer tun, was gerade zu tun ist. Im Allgemeinen handeln wir, wenn wir nicht zu etwas genötigt sind, nach dem Prinzip von Lust und Unlust. Es gibt eine Menge Dinge, die wir gerne tun, und ebenso viele, die wir ungern erledigen, abgesehen von den neutralen, die für uns weder besonders anziehend noch besonders lästig sind. Dadurch wechseln wir fortwährend zwischen Freude und Widerwillen. Um dem zu entgehen, müssen wir lernen alles gerne – oder zumindest gleichmütig, ohne Abneigung – zu tun. Das ist gar nicht so schwer, es braucht nur ein bisschen guten Willen und etwas Ausdauer, um daran zu bleiben, bis sich dieses Verhalten als Gewohnheit in uns eingeprägt hat.

Wir machen daraus eine Regel, an die wir uns künftig einfach halten, ohne sie zu hinterfragen: Ich mache stets das, was gerade ansteht. Ob im Haushalt, im Beruf oder in meiner Freizeit: Wenn ich sehe, dass etwas getan werden sollte (und ich sehe es, alles andere sind faule Ausreden!), dann tue ich es, sofort, ohne Aufschub. Beispiele:

  • Der Rasen ist nachgewachsen. Ich mähe ihn und zwar gründlich, auch unter den Büschen, wo es nur von Hand geht – und ich warte nicht, in der Hoffnung, dass es bald regnet und ich nicht mähen kann.
  • Das Ablagekistchen ist voll. Ich ordne die Papiere und hefte sie ab – und finde nicht, eine andere Aufgabe sei dringlicher, weil sie mir lieber ist.
  • Das Bild hängt schief. Ich gleiche es aus, muss ich auch einen neuen Nagel einschlagen und das alte Loch zukitten – und ich meine nicht, es hänge jetzt schon lange so, ich hätte mich bereits daran gewöhnt.
  • Auf dem Teppich entdecke ich einen Fleck. Ich bemühe mich ihn zu entfernen, auch wenn es anstrengend ist – und stelle nicht einen Blumentopf darauf.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, im Alltag unseren Gleichmut zu üben! Alle Aufgaben, die sich gerade zur Erledigung anbieten, seien es banale oder bedeutsame, leichte oder mühselige, beliebte oder verhasste: Wir erledigen sie sofort, ohne sie aufzuschieben, ohne zu murren und ohne ausdrückliche Aufforderung.

Quelle Headerfoto: lululemon athletica

Mehr über Gleichmut nicht nur durch Yoga

Karin Jundt, mit Wohnsitz in der Schweiz, ist Verlegerin, Buchautorin unter dem früheren Pseudonym Karin Albarosa, Herausgeberin und Autorin der Schriftenreihe Sonnwandeln. Karma-Yoga-Lehrerin und Wege-Weiserin. Sie gibt Kurse zu Selbstliebe, Urvertrauen, Selbstvertrauen.

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