Nandi Devar

Die Erfahrung des Selbst

von Nandi Devar

Wenn der Mensch auf seine Erfahrungen schaut, aus denen sich die Erlebnisse des ganzen Lebens formen, bietet sich ein Bild, das einem Bienenschwarm gleicht. Folgen wir einmal einen Moment unserer Wahrnehmung, geschrieben in der „Ichform“, die in unserem alltäglichen Leben ganz normal erscheint, sich aber bei genauerer Betrachtung als ein Prozess von immenser Bedeutung und Komplexität erweist.

Morgens 7:30 Uhr, ich sitze am Frühstückstisch. Der Körper fühlt sich ein wenig schwer und steif an. Meine Hand berührt die Kaffeetasse, ich spüre das warme, glatte und feste Porzellan auf der Haut. Kaffee rinnt über meine Zunge und ich schmecke und rieche Kaffee in Mund und Nase. Ich höre das Knistern der Zeitung in meinen Händen und erblicke ein Foto einer Landschaft auf dem bedruckten Papier vor mir. 7:30 Uhr und 12 Sekunden. Ich werde mir eines Gedankens gewahr: „Hoffentlich komme ich gut mit dem Auto durch, ich muss heute pünktlich sein.“ Diese Wortgedanken sind wie ein Sprecher im Geiste zu hören, der eine gewisse Dringlichkeit erzeugt. 7:30 Uhr und 19 Sekunden. Ich bemerke eine Emotion von leichter Sorge über den Zustand des Verkehrsflusses, kurz darauf gefolgt von einer Emotion der Hoffnung, dass meine Route durch die Stadt heute nicht so verstopft ist. Um 7:30 Uhr und 26 Sekunden, also nur 26 Sekunden später, ist dieser ganze Prozess beendet und neue Wahrnehmungen folgen - den ganzen Tag bis in die Nacht hinein. Im Traum gehen unsere Wahrnehmungen weiter, nur in der Phase des Tiefschlafes gibt es keine bestimmte Wahrnehmung.

Wahrnehmung
Zwei Dinge sind in dieser Beschreibung eines alltäglichen Augenblicks von Bedeutung. Zum einen das verschiedene Ebenen mit ein und derselben Wahrnehmung berührt werden. Die Wahrnehmung selbst ist wie ein unsichtbarer Körper, der sich durch die Ebenen unseres Lebens bewegt. Wie in unserem Beispiel aufgezeigt durch die Ebene des physischen Körpers mit seinen fünf Sinnen, dem Tast-, Seh-, Hör-, Geruchs- und Geschmackssinn. Durch die mentale Ebene mit ihren Gedankenformen, wie gehörte Wortgedanken als der innere „Sprecher“, und durch die emotionale Ebene mit all den dort auftauchenden Gefühlen. Die Wahrnehmung selbst ist ein bewusster Fokus, der durch all diese Bereiche bewegt wird. In der Umgangssprache wird dieser Vorgang als „ich konzentriere mich auf etwas“ bezeichnet. Die Konzentration, also der Wahrnehmungsfokus selbst, bleibt aber in allen Fällen der gleiche, egal welcher der vorher beschriebenen Körper wahrgenommen wird. Zum zweiten ist es die immense Geschwindigkeit in der all dies geschieht. Die Wahrnehmung bewegt sich so mühelos und schnell von einem Objekt zum anderen, von einer Ebene zur anderen, das die Unterschiede zwischen diesen Bereichen kaum auffallen. Meist laufen all diese Vorgänge fast völlig unbewusst ab.

Die eben beschriebene Abfolge der Wahrnehmungen am Frühstückstisch ist an sich von Bedeutung. Es gibt ein altes System des Yoga, das eine Einteilung von fünf verschiedenen Körpern des Menschen vornimmt. Die oben beschriebenen drei Wahrnehmungsbereiche wie Körper, Emotion und Gedanke sind die drei ersten Körper, und werden als physischer Körper, vitaler/emotionaler Körper und als mentaler Körper beschrieben. Diese drei Körper sind mit den Wahrnehmungen verbunden, die wir alle kennen. Es gibt aber zwei weitere Körper, die sich in ihrer grundsätzlichen Beschaffenheit sehr von den drei zuerst erwähnten unterscheiden.

Der vierte dieser Körper wird als der Körper der Erkenntnis und Weisheit bezeichnet und kann als der wahrnehmende Körper beschrieben werden. Es ist eine subtile Substanz, die sich scheinbar pausenlos von einem dieser drei Körper zum nächsten bewegt. Bei genauer Betrachtung wird klar, dass diese Substanz während jeder Wahrnehmung verschiedener Bereiche ein und dieselbe bleibt. Diese Substanz ist transparent und hoch beweglich. Es ist die Wahrnehmung selbst, das bewegte Bewusstsein, das hier beschrieben wird.  Das mag auf den ersten Blick als nichts besonderes erscheinen. Und doch wird es gerade hier besonders interessant, wenn man der Frage nachgeht, wer denn diesen bewussten Fokus bewegt und woher er kommt.

Glückseligkeit
Der in vielen Schriften erwähnte fünfte Körper wird als der Körper der Glückseligkeit bezeichnet. Als der Ort, an dem vor allem drei Qualitäten wahrgenommen werden: reines Dasein, Bewusstsein - man weiß das man ist - und eben jenes tief erfüllende Glück, das als Glückseligkeit beschrieben wird. Im Yoga sind diese drei Qualitäten als Sat Chid Ananda bekannt. Dieser Ort an dem diese Qualitäten vorherrschen, wird als das eigentliche „Selbst“ des Menschen bezeichnet. Jener mystische Kern des Menschen, der sich jeder direkten Beschreibung entzieht, weil es sich hier um den sogenannten nicht dualen Bereich des Menschen handelt. Und dort keine Wahrnehmungen wie in den ersten drei Körpern stattfinden, außer den oben beschriebenen. Die bewusste Erfahrung des „Selbst“ wird als ein fundamentales und lebensveränderndes Erlebnis beschrieben, indem hier die höchsten und gleichzeitig fundamentalsten Erfahrungen eines menschlichen Lebens gemacht werden können. Die sogenannte Selbstverwirklichung ist bereits der nächste Schritt. Das heißt, dass diese Erfahrung so oft erlebt wird, dass sie nach und nach das ganze Leben durchdringt bis die Qualitäten von Sat Chid Ananda zu etwas dauerhaftem werden. Die im Westen beschriebene Seele des Menschen kommt dieser Beschreibung des „Selbst“ vielleicht am nächsten, weil die Seele als etwas unsterbliches angesehen wird. Nicht dual heißt nämlich auch, dass in diesem Bereich keine Zeit und kein Raum existieren, also auch kein Tod!
Wenn der bewegte Wahrnehmungsfokus direkt aus diesem „Selbst“ heraus entspringt, dann heißt das, dass wir die Wahrnehmung selbst zurückverfolgen können bis zum Ursprung. Bis zum „Selbst“ hin, bis in den nicht dualen Bereich.

Selbsterfahrung
Das brisante an dieser obigen Feststellung ist aber, dass diese „Selbst“-Erfahrung in vielen Büchern als so besonders und für den normalen Menschen als eigentlich nicht machbar beschrieben wird. Selbst in vielen spirituellen Schulen wird dieses Erlebnis als so absolut selten und schwierig zu erlangen beschrieben, dass man sich fragt warum überhaupt noch Menschen auf diesem Planeten versuchen diese Erfahrung zu machen. Es scheint das nur Auserwählte, vielleicht einer unter Millionen, zu diesem Erlebnis berufen sind. Aber ist das wirklich so?

Es gibt jetzt ein zugängliches Wissen, das dieses Erleben des „Selbst“, des Non Dualen, möglich macht, und das nicht nur in einer ungewissen und äußerst fernen Zukunft. Dieses Wissen wurde aus reiner Praxis und Erfahrung entwickelt und in jahrelanger Anwendung zu höchster Einfachheit und Nachvollziehbarkeit kondensiert. Dieses Wissen vereint sich mit dem uralten yogischen System der fünf Körper (Sanskrit: Koshas), und bildet den anwendbaren Schlüssel um die Geheimnisse des Yoga, und damit des Lebens, zu lüften und erfahrbar zu machen. Dieses Wissen ist so universell, dass alle Suchenden und Praktizierenden es anwenden können, ob der naturwissenschaftlich gebildete Mensch, dem sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, oder der tief Religiöse., oder auch der spirituelle Praktizierende verschiedenster Traditionen. Dieser universelle Schlüssel kann jeden Weg erleuchten, ohne dass dieser Weg dafür aufgegeben werden müsste. Die uralten Fragen „wo komme ich her?“, „warum bin ich hier?“ und „wo gehe ich hin?“ können aus der Erfahrung des „Selbst“ erklärt, ja vielmehr erfahren werden.

„Folge dem Blick auf das Gesehene zum Sehenden zurück“ ist der Leitsatz, der direkt und einfach in das Herz des Daseins zielt. Dort endet und beginnt die Reise gleichzeitig.

Nandi Devar

Nandi Devar lebt zurzeit in einem Kriya Yoga Ashram in Estland und widmet sich dort ganz dem, was Patanjali in seinen berühmten Yoga Sutras als Kriya Yoga definiert hat, Tapas (intensive Praxis, Hitze), Svadhyaya (Selbststudium) und Ishvara Pranidhana (Hingabe an das Höchste/die Quelle/Gott). Aus den intensiven Erfahrungen dieser Praxis stammt der Universelle Schlüssel, den er in Deutschland in Form von Seminaren bis hin zu Einzelsitzungen weitergibt. Er ist Acharya in "Babaji’s Kriya Yoga Order of Acharyas". Er gibt Einweihungen in Kriya Yoga Techniken der Yoga Siddha Tradition, und organisiert intensive Praktiziertreffen. Er ist zertifiziert als Kriya Hatha Yoga Lehrer und Shivananda Hatha Yoga Lehrer.

Mehr über Nandi Devar

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