Sat Nam Rasayan in grün: Ein Heiler auf der Goaparty
von Frank Gurupal Singh Dreyer
„Schaut nach dem grünen Licht...“ – das war unser einziger Orientierungstipp und er sollte in den nächsten Tagen eine Bedeutung bekommen, die wir noch nicht ahnen konnten. Am Eingang in die grüne Parallelwelt wurde schnell klar, dass unser gewohnter Yogalifestyle diesen Übergang nicht so einfach mitmachen wollte. Schwüle Luft, wummernde Bässe, verschwitze Menschenmassen in einer grünen Talsenke, durchflutet von grünen Laserstrahlen durch alte Bäume, morgens um drei Uhr. Auf einem kleinen Hügel im grünen Licht, schlafen im Zelt unsere Companeras und Companeros.
Nonstop Bässe aus allen Richtungen trotz Ohrstöpsel. Ich liege auf drei Maulwurfhügeln, in ein paar Stunden beginnt unsere Aktion. Schlaf? Guerilleros fragen nicht, sie sind plötzlich da, am liebsten im Dschungel und starten ihre Aktion. Gewappnet mit Ohrstöpseln, Turban und Drogenberatung öffnete sich das Zelt am nächsten Morgen der grünen Anderswelt: grün gekleidete bunte Menschen, Fantasylook, Elfenflügel auf dem Rücken, spitze Ohren unter langen Haaren, grünes Setting, grüne Dancefloors und Lightshows, auf grüner Waldlichtung. Neugierde auf beiden Seiten: eine handvoll Aquarian Guerilleros in weiß unter viertausend Goafreunden.
Unser Einsatz: Als Sat Nam Rasayan HeilerInnen und Kundalini YogInis für Entspannung, Stressabbau und Beruhigung sorgen. Einsatzort: ein großes Goafestival irgendwo in Deutschland. Unsere schönen Yogastudios zu hause lassend, folgen wir der Tradition unseres Meisters und wollen wir mitten in der Welt den spirituellen Weg leben, bewusst dass dies schwieriger sein wird als in weiß auf unserer Yogamatte zu meditieren. Also nun in grün, die Farbe der Natur, des Lebens und auch des Herzens. Aber auch Pilze, LSD, Alkohol, Nikotin, Waldtoilette, Wassermangel, Beats rund um die Uhr, viele hilfesuchende Menschen. Doch Guerilleros sind mobil und flexibel!
Die ersten „Klienten“ schauen vorsichtig ins Zelt, trotz teilweise selbstbewusstem Outfit sind sie merkwüdigerweise doch irgendwie unsicher, man spürt die Gedanken: was machen die jetzt mit mir? Mit beruhigenden, einladenden Worte entsteht schnell innerhalb der Zeltwände eine sehr ruhige, feine, fast heilige Atmosphäre. Der direkte Gegensatz zu der Welt außerhalb. Die Menschen spüren das, kommen wieder, bringen Freunde mit, manche wollen einfach noch lange auf ihrem Platz liegen bleiben, wieder auftanken. Es ist eine Gnade diese Arbeit tun zu dürfen, zu spüren wie all diese Menschen trotz Drogen und teilweise abenteuerlichem Aussehen von der Stille berührt werden und sich die Herzen wieder öffnen. Interessanterweise gelingt es sehr gut auch starken Drogenkonsum in einigen Minuten stabilisieren und harmonisieren zu können, die Klienten sind oft selber davon überrascht.
Sat Nam Rasayan ist eine sehr sanfte Technik, in ihrer Wirkung jedoch sehr effektiv. Nach den ersten Behandlungen lernt man immer schneller die spezifischen Muster dieses Festivals zu identifizieren: Nervliche Überlastung, Drogen, emotionale Probleme, körperliche Dinge und dann nach der Behandlung immer wieder diese riesige Dankbarkeit der Menschen, dafür dass wir diese Arbeit tun, dafür dass wir einfach da sind. Spontan, beim Gang zur Toilette, kommen Leute und halten liebevoll die Hände - auch ohne Drogeneinfluss - allein dafür dass wir Yoga machen und heilen, manchmal ein bisschen als ob wir Heilige wären. Und als Guerillero nimmt man den Dank der Zivilbevölkerung natürlich mit offenem Herzen, aber auch gelassen an, es gibt noch so viel zu tun. Nachts geht es dann zum Dancefloor, wir müssen uns erden, tanzen bis zum umfallen, die Musik, die Lichtshow, Feuerwerk, die Bäume und der Wald, die Menschen verbinden sich zu einem großen Fühlen, wir schweben und jubeln mit. Es wird verständlich was die Menschen hier finden, es ist gar nicht so weit weg von dem was wir tun.
Die Aquarian Guerilleros wollen da auftauchen, wo Bewusstheit geschaffen werden kann, Bewusstheit für sich selbst und der Stille die alle verbinden wird, selbst bei harten Beats auf der Tanzfläche. Unser Yogameister prophezeite das Motto einer neuen Zeit: Erkenne der andere bist Du! Dort beginnt unser Job. Guerilleros kommen aus der Zivilbevölkerung zu ihrem Einsatz in den verschiedenen Gruppen zusammen und verschwinden danach scheinbar wieder in ihre Welt. Zurück im Alltag, sahen wir jedoch, wie lebendig der grüne Dschungel gewesen war: Das Grün war mitgekommen, besonders als Aufmerksamkeit für die Natur um uns herum, alles war plötzlich reicher und intensiver - nicht nur die Menschen waren anscheinend dankbar für unsere Aktion gewesen. Auf der Rückfahrt schauten wir immer etwas sehnsüchtig, wenn das grüne Licht der Ampeln sich in den Blättern der Bäume fing - ganz ohne Drogen.
Frank Gurupal Singh Dreyer
Frank Gurupal Singh Dreyer praktiziert seit achtzehn Jahren Kundalini Yoga nach Yogi Bhajan, als Dozent unterrichtet und organisiert er Teacher Trainings der 3H Organisation und arbeitet als Sat Nam Rasayan Therapeut in Köln.
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