Christine Düwel

Künstlerin und Yogalehrerin?

von Christine Düwel

Als an mich der Vorschlag herangetragen wurde etwas über Yoga und Kunst zu schreiben, kam mir als erstes die Frage in den Sinn: Gibt es da überhaupt eine Schnittmenge?
Stehen Yoga und Kunst nicht in einem unlösbaren Widerspruch zueinander?

Hätte ich es nicht selber erfahren, wie diese sehr unterschiedlichen Lebenswege Schnittmengen bilden können, würde auch ich in Yoga und Kunst nur die zwei unvereinbaren Pole sehen. Auf der einen Seite die Yogapraxis, wo der Fokus und die Sinne nach innen gelenkt werden, alles für die feinstoffliche Ebene sensibilisiert wird. Auf der anderen Seite die Kunst, die auf Außenwirkung aus ist, sich immer wieder im Materiellen, Grobstofflichen manifestiert. Yoga das zum Sattvischen strebt - Kunst die auf den Ebenen von Tamas und Rajas verhaftet ist.

Erstaunlicherweise war es bei mir so, dass mich die Kunst zum Yoga geführt hat. Als Teenager hatte ich Yoga über ein Buch kennengelernt. Mein Versuch mit einem Yogaworkshop den Geheimnissen des Yogas auf die Spur zu kommen endete damit, dass ich für zehn Jahre überhaupt keinen Kontakt zu yogischen Übungen hatte. Durch mein Kunststudium kam ich dann wieder zum Yoga.

Christine Düwel
Pentesilea (Ausschnitt) - aus dem Zyklus "Pläne unsichtbarer Städte" 2008


Ich studierte in einer Klasse für Steinbildhauerei und nach kurzer Zeit hinterließ diese Art der körperlichen Arbeit Spuren, die mich bewogen etwas zum Ausgleich zu machen. Ich landete bei Feldenkrais und Yoga, um etwas gegen meine Verspannungen, die einseitigen Belastungen und Fehlhaltungen zu tun. Sehr schnell wurde mir klar, dass es im Yoga nicht nur um die körperliche Ebene ging, sondern auch um die mentale, dass der Ausgleich im Kopf beginnt und sich dann im Körper fortsetzen kann.

Nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, wußte ich, dass ich weiterhin Yogastunden nehmen wollte. An meinem Studienort war ich zufällig bei einer Iyengar Yoglehrerin gelandet. Auf der Suche nach Yogaunterricht an meinem neuen Wohnort, war ich von der Yogalehrervielfalt völlig überfordert. Durch einen weiteren Zufall - sofern es diesen gibt - landete ich in einem Kundalini Yoga Anfänger Kurs. Vieles war mir fremd: die Mantren, der Feueratem, die Schleusen, die Kommentare, aber ich merkte, dass mir die Übungsreihen und das Singen gut taten. 

Christine Düwel
Clarice (Ausschnitt) - aus dem Zyklus "Pläne unsichtbarer Städte" 2008


Seit nun mehr fast 20 Jahren bin ich auf dem Yogaweg, seit guten 8 Jahren auch als Yogalehrerin. Gleichzeitig bin ich weiter dem Ruf der Kunst gefolgt und nicht zu letzt hat mir das Yoga immer wieder die Kraft gegeben an meinen künstlerischen Ideen und Projekten dran zu bleiben und nicht aufzugeben. Die Meditation im Yoga hat mir die Erfahrung gegeben leichter in einen Zustand zu kommen, in dem ich mich der Inspiration und Intuition öffnen kann. Mit yogischen Techniken kann ich mentale Zustände herbeiführen, die ich für meine künstlerische Arbeit brauche.

Während stressiger Phasen wie bei der Ausstellungskoordination und dem Aufbau kommen Selbstzentrierungstechniken aus meiner täglichen Yogapraxis zum tragen. Wo ich früher mit einem halben Nervenzusammenbruch reagiert hätte, weil dieses und jenes nicht klappt oder gar nicht geht, schaffe ich es tief durchzuatmen und mir klar zu machen, dass jetzt ein klarer Kopf für Problemlösung gefragt ist und keine Emotionen, die mein Nervensystem überfordern. Das sind nur einige wenige Aspekte wie Yoga mich in meiner Kunstpraxis unterstützt.

Christine Düwel
Tecla (Ausschnitt) - aus dem Zyklus "Pläne unsichtbarer Städte" 2008


Gleichzeitig hat aber auch die Kunst Spuren in meiner Yogapraxis und meinem Yogaunterricht hinterlassen. Seit acht Jahren unterrichte ich zwei - drei Kurse pro Woche und mittlerweile an die zehn Workshops im Jahr. Alle diese Unterrichtsstunden sehe ich inzwischen als kleine Kunstwerke. Jedesmal auf’s Neue ist meine Phantasie gefragt Themen, Übungsreihen, Asanas und Meditationen miteinander zu kombinieren, dann in der Gruppe den energetischen Spannungsbogen aufzubauen und zu schließen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Schnittmenge von Yoga und Kunst für mich in der Arbeit mit Energien, mit Räumen (materiellen wie inmateriellen), mit Entwicklungsprozessen und dem Bezug auf das Unendliche besteht. Eine Voraussetzung für beide Wege sind Kreativität und Kommunikation. Yoga als auch Kunst sind für mich nicht nur Katalysatoren im Prozess der Selbsttransformation, sondern auch Wege einen Beitrag in der Gesellschaft zu leisten.

Christine Düwel

Christine Düwel studierte Bildhauerei und Grafik in der Meisterklasse des Bildhauers Alfred Hrdlicka an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien sowie Philosophie und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Sie hat die Kundalini Yogalehrer Ausbildung Stufe II absolviert und sich über die Jahre in zahlreichen Workshops weitergebildet.

© Text und Bilder Christine Düwel
Headerbild: Hörbild - Hannah enthüllt  
Foto: www.hoffotografen.de

Mehr über Christine Düwel

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