Neubeginn trotz harter Schale
von Michael Breckwoldt
Sehnsüchtig erwarten wir jedes Jahr im Frühling das erste Grün. Die Augen gieren nach Frische. Die Tage werden länger, vor allem aber heller und den Körper erfasst eine seltsame Unruhe. Es drängt ihn nach Bewegung. Das Gefühl der Vitalität berührt auch die Seele. Diese Aufbruchsstimmung, die sich so sichtbar in der Natur vollzieht, ist überall spürbar.
Denn plötzlich wird die Erde durchlässig. Zarte Keime sprießen aus jeder Pore und legen die verborgenen Kräfte frei, die den Boden, der wochenlang dunkel, schwer und unbelebt schien, wieder zu dem machen, was er eigentlich ist: ein überaus fruchtbarer Grund. Ein junger Aufwuchs bricht sich Bahn und lässt für einen Moment auch bei vielen Menschen das Gefühl entstehen, das Leben beginne von Neuem, Chancen und Perspektiven würden neu verteilt, und es gelte jetzt die Gelegenheit für einen Neuanfang beim Schopf zu greifen.
Für den gärtnernden Menschen trifft das zu. Er kann jedes Jahr mit frischer Saat, neues Leben entstehen lassen. Zu den kleinen Wundern gehört, wie aus harten Krümeln später wunderschöne Pflanzen werden. Einige Tropfen Wasser zum Quellen reichen, damit der Keimling die Schale sprengt.
Anfangs aber sind die zu bestellenden Beete noch blank wie ein Stück unbeschriebenes Papier – bereit für eine neue Story. Etwa für die von Minze, Majoran, Mangold, Maßliebchen und Mizuna. Oder für die etwas klangvollere Geschichte von Runkelrübe, Rote Bete, Ranunkeln, Ringelblumen, Rauke und Rapunzel. Das ist der Vorteil eines Nutzgartens. Dort hat man jedes Jahr die Chance eines kreativen Neuanfangs.
Die Gemüsepflanzen bringen Farbe und Form mit sich. Man sollte sie daher nicht bloß als Nahrungsmittel sehen, sondern als kleine organische Skulpturen. Ist der Boden bestellt, können die Samen verteilt werden wie die Farbpigmente auf einer Leinwand. Später, wenn die Saat aufgeht, ergibt sich dann das Bild – eines, das Augen und Gaumen zugleich schmecken wird.
Der Trend geht wieder zur Selbstversorgung
Wer ohne Gemüsebeet oder Garten lebt, schafft sich einfach auf dem Balkon eine gut bestückte Salatbar. Dafür eignen sich vor allem Pflücksalate. Sie entwickeln verschiedene Blattfarben und Formen, keimen innerhalb weniger Wochen, sind anspruchslos und brauchen nicht viel Patz. Sie lassen sich sogar in Kästen und Töpfen heranziehen. Sind die Pflanzen erst einmal herangewachsen, können über einen längeren Zeitraum Blätter von ihnen geerntet werden. Der unmittelbare Zugriff auf frisches Grün ist von großem Vorteil, da ein Salat nach der Ernte innerhalb weniger Stunden mehr als die Hälfte seiner Vitamine und Nährstoffe verliert.
Die Selbstversorgung ermöglicht zudem den Anbau besonderen Gemüses, das moderne Hochleistungssorten längst aus dem Handel gedrängt hat. Der Salat Till etwa, ein Verwandter des Eichblattsalats, wurde schon im Mittelalter angebaut und soll seinen Namen nach dem närrischen Till Eulenspiegel bekommen haben. Der kompakte Wuchs mit spitz zulaufenden Blättern und sein ausgewogener Geschmack haben ihm eine Fangemeinde beschert, die Jahr für Jahr größer wird. Auch wer die Vielfalt durch aromatische Wildsalate wie Sauerampfer, Melde oder Wilde Rauke erweitern möchte, kommt nicht umhin die Aussaat selbst vorzunehmen. Auch den Vitamin C reichen Winterportulak sucht man vergebens beim Gemüsehändler. Daher sollten Sie selbst für den Nachschub sorgen. Frisch geerntet steckt in ihm zudem noch das volle Aroma.
Verwenden Sie Kräuter- oder Aussaaterde, wenn Sie die Pflanzen aussäen. Diese Erde hat ein Nährstoffverhältnis, das für Sämlinge gut geeignet ist. Die meisten anderen Blumenerden sind zu stark aufgedüngt. Da Salat genügsam ist, wird man die Pflanzen später nur in Ausnahmefällen nachdüngen müssen. Notwenig wird dies allerdings für Wilde Rauke, Sauerampfer und den Asia-Salat Mizuna, die mehrmals geerntet werden können, weil sie nach jedem Schnitt nachwachsen. Einfacher ist eine erfrischende und gesunde Abwechslung kaum zu haben.
Saatgutmischungen in Bio-Qualität wie ein Set mit zarten Pflücksalaten, das fünf verschiedenen Sorten enthält oder ein Set Knackiger Wildsalate mit drei verschiedenen Sorten erhalten Sie unter Gartenundgabel. Hier finden Sie auch Tipps rund um das Gärtnern, die gesunde Versorgung mit Gemüse und Kräutern der Saison und die passenden Rezepte dazu.
Michael Breckwoldt
Michael Breckwoldt, geboren 1959 in Hamburg, studierte Gartenbau, Literaturwissenschaft und Philosphie. Als freier Journalist arbeitet er für Zeitschriften wie Brigitte und Living at Home. Er betreibt die Webseite "Garten und Gabel" mit informativen Themen rund ums Gärtnern und Kochen. Michael Breckwoldt hält auch Vorträge und Seminare. Er ist Buchautor von
Gärten gestalten, Gärten genießen
Cottage-Gärten
Grundkurs Grüner Daumen
Foto: Janne Peters
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