Blaue Einsicht
von Dr. Marc Stollreiter
Bis gestern dachte ich noch „Blaue Einsicht, blaue Einsicht – was um Gottes Willen kann ich dazu schreiben?“ Doch eine zentrale Erfahrung der letzten Monate meines Lebens ist, dass jeder Mensch in einer Art James-Bond-Film lebt – auch James gelingt es in aller Regel erst in den letzten Sekunden des Films, die Welt zu retten (z.B. indem er eine Zeitbombe entschärft). Doch wie oft haben wir Menschen schon die Nerven, wirklich bis zur letzten Sekunde zu warten und zu vertrauen, dass sich der entscheidende Einfall, wie wir unser Ziel erreichen, noch rechtzeitig einstellen wird? Und wie oft geben wir vorzeitig auf?
Das also ist die „Blaue Einsicht“:
Wenn wir auf unsere Intuition vertrauen, werden wir immer öfter feststellen, dass uns genau in dieser Sekunde das Wissen zur Verfügung gestellt wird, das wir benötigen.
Die Redakteure von YogaRelations haben bewiesen, dass sie dieses Gesetz bereits beherzigen: Als sie nämlich „Blaue Einsicht“ zum Monatsthema erklärten, wussten sie selbst noch nicht, was genau darunter zu verstehen ist. Doch ihre Intuition spuckte bereits diesen Begriff als Startschuss aus. Und das war – für den Moment – auch genug.
Meistens werden wir Menschen jedoch sehr nervös, wenn wir nur so viel wissen, wie wir jetzt gerade wissen müssen. Hingegen nach dem Prinzip der „Blauen Einsicht“ zu leben, bedeutet beispielsweise, ganz spontan „Ja!“ zu sagen, wenn mich jemand bittet, eine Rede aus dem Stehgreif zu halten. Im Vertrauen darauf, dass mir schon in der nächsten Sekunde etwas passendes einfallen wird, erhebe ich mich von meinem Stuhl. Kommen zunächst keine Worte zu mir, so schweige ich. Denn, wie Mozart bereits bemerkte: „Pausen sind auch Musik!“
Es gibt aber noch einen zweiten Aspekt der „Blauen Einsicht“ (blau ist bekanntlich die Farbe des Kehl-Chakras): Der Körper tut genau das, was der Geist ihm sagt.
Das mag selbstverständlich klingen, ist es jedoch nicht. Wie oft passiert es beispielsweise, dass ein Yoga-Praktizierender frustriert ist, dass eine Stelle seines Körpers weh tut? Wenn diese Frustration bewusst erlebt und liebevoll betrachtet wird, so tritt Heilung ein. Denn meiner Erfahrung nach ist es oftmals genau die Frustration, die den Schmerz verursacht. Mit anderen Worten: So lange ich frustriert bin, dass diese oder jene Stelle schmerzt, schmerzt sie, weil ich frustriert bin. Es ist also die emotionale Trennung von dem Schmerz, die dazu führt, dass er fortbesteht. Die Trennung zwischen dem Wahrgenommenen und dem Wahrnehmenden ist auch bekannt unter dem Begriff „Ego“. Jedes Mal, wenn diese Trennung wegfällt, entsteht eine Verbindung zwischen Körper und Geist und damit „blaue Einsicht“.
Eine andere Person könnte ungeduldig werden, weil sie oder er trotz wiederholtem Stretching keine Fortschritte erzielt. Nun, dann erhebt sich die Frage, ob nicht genau diese Ungeduld dazu beiträgt, dass die Muskulatur verkürzt ist? Mit anderen Worten: Wenn wir durch wertvolles Yoga keine Erfolge erzielen, dann wahrscheinlich deshalb, weil es unsere Geisteshaltung ist, die der Korrektur bedarf.
Ich als Psychologe bin sehr froh, mit einer wunderbaren Yoga-Lehrerin zusammen zu leben. Unsere gemeinsame Arbeit in Workshops und Heilkreisen garantiert, dass weder ich einseitig den Geist überbetone, noch sie einseitig den Körper. „Blaue Einsichten“ entstehen durch die Fähigkeit, seine subtilen Körperwahrnehmungen in Gedanken übersetzen zu können – wenn Bauch und Verstand in Einklang sind. So kann der Körper dem Verstand mitteilen, was er braucht. Wenn jedoch der Verstand dominiert, so wird der Körper ausgebeutet. Nur die Intuition mit ihren „blauen Einsichten“ vermag es, uns von Augenblick zu Augenblick zu zuflüstern, ob uns beim Yoga (oder im Leben allgemein) gerade mehr Anstrengung oder weniger Anstrengung gut tut, ob der Körper tatsächlich eine Erholungspause benötigt oder ob es sich um eine emotionale Blockade handelt, die uns müde erscheinen lässt.

Autor: Dr. Marc Stollreiter
Diplom-Psychologe und Dr. der Psychologie, Ausbildungen als Trainer & Systemischer Coach, seit 1998 Trainer in der Wirtschaft, 2002-2005 Universitätslektor in Wien für Bildungspsychologie, diverse Buchveröffentlichungen:
"Stressmanagement", "Selbstdisziplin", "Aufschieberitis dauerhaft kurieren", "Kommunikation", intensive Beschäftigung mit diversen Heilungsmethoden und Schamanismus.
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